Null bis Eins

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    „Was man alles durch das Baby erfährt“ betitelte die amerikanische Schriftstellerin Lydia Davis eine Kurzgeschichte, die 2011 in ihrem Band „Formen der Verstörung“ erschien. Anhand kurzer, lakonischer Beschreibungen ihres neugeborenen Sohnes lotet sie darin auf nüchterne, aber keineswegs lieblose Weise frühkindliches und mütterliches Bewusstsein aus.

    Ausgehend von diesem Text fragt sich die Autorin des Features, welche Rollen Babys und Kleinkindern in der Literatur zugedacht wurden. Und erkennt, dass zwar die literaturwissenschaftliche Sekundärliteratur eine weitestgehend babyfreie Zone, die Literaturgeschichte – von der Antike bis in die Gegenwart – aber voll von Babys ist. Ob bei Wolfram von Eschenbach oder François Rabelais; Henry Fielding oder Heinrich von Kleist, Kate Chopin, Sylvia Plath oder Salman Rushdie: Babys spielen wesentliche Rollen.

    Sie werden ersehnt oder gefürchtet, gezeugt, geboren, verboten, abgetrieben, adoptiert, gefunden oder ausgesetzt, in Flüsse getunkt um sie stark zu machen, von Wölfinnen und Löwinnen gesäugt, mit Musik von Neil Young von Bauchschmerzen geheilt. Sie versprechen persönliche Heilung oder nationalen Aufschwung, können sozialen Aufstieg oder Absturz bedeuten. Sie können eine ganze Stadt in Aufruhr versetzen – und werden mitunter sogar für Naturkatastrophen verantwortlich gemacht. Doch wann fängt man an, die Null- bis Einjährigen als Persönlichkeiten wahrzunehmen?

    Literaturliste

    Lydia Davis, Formen der Verstörung. Graz und Wien: Droschl, 2011.

    Wolfram von Eschenbach, Parzival und Titurel, Rittergedichte. Übersetzt und erläutert von Karl Simrock. Stuttgart: Verlag der J. G. Cotta´schen Buchhandlung, 1883.

    Henry Fielding, Tom Jones. Die Geschichte eines Findlings. Übersetzt von Roland und Annemarie Pestalozzi, unter Benutzung der Übersetzung von Johann Joachim Christoph Bode. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1971.

    James Joyce, Ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Übersetzt von Friedhelm Rathjen. Zürich: Manesse, 2012.

    Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke. Gütersloh: Bertelsmann, o. J.

    Karl Ove Knausgard, Lieben. Übersetzt von Paul Berf. München: Luchterhand. 2012.

    Silvia Plath, Ariel. Übertragen von Alissa Walser. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008.

    Silvia Plath, Die Glasglocke. Übersetzt von Reinhard Kaiser. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009.

    Jean-Jaques Rousseau, Emil oder Über die Erziehung. Übersetzt von Ludwig Schmidts. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh, 1971.

    Salman Rushdie, Mitternachtskinder. Übersetzt von Karin Graf. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2005.

    Statius, Achilleis, with an English Translation by J. H. Mozley. London: William Heinemann Ltd., o. J.

    Laurence Sterne, Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman. Übersetzt von Michael Walther. Berlin: Galiani, 2015.